Sternenbewohner

Jutta Dethlefsen

19.10.2014

 

Frederike wohnte mit ihren Eltern und dem Großvater, den alle nur Opa Gerke nannten, im Nachbarhaus.

Frederike und ich verbrachten viel Zeit miteinander, besonders im letzten Jahr vor der Einschulung verband uns eine feste Freundschaft.

Wenn wir in unserem Garten lautstark herumtollten, passierte es schon, dass Opa Gerke herüberbrüllte: „Verdammte Gören, müsst ihr so schreien? Geht es nicht einen Ton leiser?“

Er hatte uns auch schon die Kinderfahrräder fortgenommen und eingeschlossen, weil das ständige Klingeln angeblich seine Nerven strapazierte.

Flog der Ball beim Spielen über den Zaun in Gerkes Garten, rückte er

diesen bis zum Abendessen nicht wieder heraus. „Verflucht, der Ball zerstört die aufgehende Petersilie und den Salat, passt doch auf.“ Manchmal hob er dabei sogar drohend die Faust in unsere Richtung. Wir hatten schon Respekt vor ihm, aber wir provozierten ihn auch gerne.

 

„Dass er immer so mürrisch ist, liegt an seinen Schmerzen.

Meine Mutter sagt, er hat immer Schmerzen in den Gelenken“, erklärte mir meine Freundin. „Darum sitzt er sogar im Sommer in eine Decke gehüllt in seinem Lehnstuhl auf der Terrasse. Seine Beine brauchen ganz viel Wärme.“

 

In dem Sommer starb Opa Gerke. Eigentlich sollte das doch eine Erleichterung für mich bedeuten, aber es meldete sich stattdessen mein schlechtes Gewissen. Wir hatten eben häufig absichtlich laut herumgebrüllt und den Ball vor seine Füße geschossen.

„War er deshalb gestorben?“ Zum ersten Mal begegnete ich dem Tod in unmittelbarer Nähe. Angst überfiel mich, Scham und auch Traurigkeit, weil ich mich bei Opa Gerke nicht mehr entschuldigen konnte.

 

In dieser Zeit war Frederike bestimmt 14 Tage für mich unerreichbar.

Ich drückte meine Nase an die Fensterscheibe. In und um das Nachbarhaus gab es nichts zu entdecken.

Meine Mutter spürte meine Angst, meine Unsicherheit, meine Auseinandersetzung mit dem Tod. Sie setzte sich ganz nah zu mir, schlang einen Arm um mich, nahm eine meiner Hände in ihre. Sie hatte ein Buch mit gebracht, aus dem sie vorzulesen begann: Es ging um einen kleinen Prinzen, der auf einem Stern wohnte, auf die Erde kam, unter anderem Freundschaft zu einem Fuchs entwickelte, aber aus Heimweh zurück auf seinen Stern wollte. Der kleine Prinz verabschiedete sich von der Erde und dem Freund mit den Worten: „Wenn Du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne. Weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können.“

 

Es ist diese Textstelle aus: „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint Exypery die mich fortan begleitete. Es war für mich klar, dass auch alle Verstorbenen, eben alle, die von dieser Erde gehen auf so einem Stern landeten.

Alle greifbaren Erwachsenen quetschte ich aus, um mehr über die Sterne zu erfahren.

Wie häufig bin ich damals des Nachts oder am späten Abend aus dem Bett geklettert, habe die schweren Vorhänge beiseitegeschoben, um den Sternenhimmel zu betrachten. Ich konnte bald die Milchstraße erkennen und suchte nach dem großen Bären, einem Sternbild des Nordhimmels von sieben besonders hellen Sternen. Und ich glaubte, dass die Bewohner der Sterne diese Gruppierungen für ihre, mir unbekannten Spiele, vornahmen.

 

Aber auf welchem Stern saß Opa Gerke?

Darauf wusste meine Mutter auch keine zufriedenstellende Antwort. Uns so fantasierte ich mir etwas zusammen. Die Sterne waren kreisrunde, am Rand gezackte große Scheiben aus funkelnden Edelsteinen, darum glitzerten sie so. Auf jeder Sternscheibe befand sich die Sitzfläche und Lehne eines kuscheligen Sessels. Die Beine der Bewohner pendelten lustig in der Luft, wie beim Karussellfahren. Befestigt waren die Sterne an langen Seilen, die im Himmel über schwere Balken geschlungen wurden.

So konnten die Sternenbewohner in jeder Sternennacht zu uns herunter schauen und winken. Bestimmt lachten und scherzten sie miteinander, spielten und ließen es sich gut gehen. Und der große Stern mit dem Schweif, den ich nachgebaut zu Weihnachten in der Kirche über der Krippe hängen sah, war bestimmt Gott vorbehalten, wenn er die Sternenbewohner besuchte.

 

Frederike und ich spielten wieder miteinander. Ich hatte ihr auch von der Geschichte mit dem kleinen Prinzen erzählt, von den Sternenbewohnern. Darauf erntete ich nur einen ungläubigen Blick und so erzählte ich ihr nichts mehr vom Inhalt des Buches.

 

Es kam der Tag, der meinen Glauben erschütterte. Frau Gerke fragte uns, ob wir sie zum Friedhof begleiten wollten. Wir fuhren mit, ich war noch nie auf einem Friedhof gewesen. Wir hielten vor einer Grabstelle und Frederike sagte: „Hier liegt mein Opa begraben.“ Dabei schaute sie mich herausfordernd an. „Er schaukelt nicht auf einem Stern herum.“

Irritiert schaute ich erst sie, dann ihre Mutter an. Die aber nickte nur abwesend und beschäftigte sich weiter mit Harke und Gießkanne.

 

Ich war verstummt. Ein furchtbarer Gedanke durchzuckte mich. Vielleicht werden die unfreundlichen und bösen Menschen nach ihrem Tod in der Erde auf dem Friedhof verbuddelt und die Guten bekamen dort oben einen gemütlichen Sitzplatz auf einem Stern. Ja, so musste es sein. Ich traute mich nicht, diese Erklärung an Frederike und ihre Mutter weiter zu geben.

 

Von dem Tag an bemühte ich mich sehr, meiner Mutter alles recht zu machen, ein guter Mensch zu sein. Ich wollte nicht eines Tages auf dem Friedhof in der schwarzen Erde liegen, ich wollte genüsslich einen Stern bewohnen.

Denn das jeder einmal sterben musste, wusste ich inzwischen.

 

Also deckte ich freiwillig den Tisch, räumte das Geschirr in die Spülmaschine, trug den Müll hinaus, versuchte meine Kleidung sauber und unversehrt über den Tag zu bringen und selbst zum verhassten Aufräumen meines Zimmers, musste ich nicht mehr ermahnt werden. Ein paar Tage lebte ich nach meinen lobenswerten Vorsätzen, dann hielt ich mein Unwissen über die Ungereimtheiten nicht mehr aus, fand mein derzeitiges braves Verhalten zudem überaus anstrengend. Ich wollte Genaueres erfahren über die Menschen, die man einfach in der Erde verbuddelte und über die Menschen, die auf hellerleuchteten Sternen durch die Nacht schaukeln durften.

 

Ich bat meine Mutter, für mich einen Brief zu schreiben. Sie schaute mich erstaunt an, holte Briefpapier, ein Kuvert und Schreiber.

„An wen soll der Brief adressiert werden?“ Sie hob fragend die Brauen.

„An Gott im Himmel“, ich schluckte schwer.

„O.K.“ Mutters Gesicht blieb unverändert, als sie das Kuvert beschrieb und Marken draufklebte.

„Und nun den Text,“ forderte sie mich auf.

Ich stotterte: „Lieber Gott, bitte gib Opa Gerke einen Sternenplatz. Die kalte Erde tut ihm nicht gut. Besonders wenn es bald Winter wird. Er hat es doch so mit den Gelenken. Vielleicht hast du das vergessen, ich vergesse auch oft etwas. Er ist gar nicht so böse. Wir haben ihn nämlich manchmal geärgert und dann wurde er ja zu recht wütend.  Bitte, lieber Gott, nimm ihn aus der kalten Erde.

Viele Grüße von Julia“

 

Mutter verschloss den Brief mit ernster Mine und strich mit beiden Händen noch einmal darüber.

Wir verharrten eine oder zwei Minuten schweigend.

 

Liebevoll versuchte sie mir die Loslösung der Seele, des eigentlichen Ichs, vom Körper zu erklären, wenn der Mensch stirbt. Und sie versprach mir, dass alle Seelen einen Sternenplatz erhalten. In der Erde ruhe nur der Körper, die seelenlose Hülle.

 

So richtig habe ich das damals nicht verstanden aber eines hatte ich sofort begriffen:

Es war völlig egal, ob ich mein Zimmer aufräumte oder nicht, ein Sternenplatz war mir sicher und das beruhigte.