Jutta Dethlefsen

Jutta Dethlefsen wurde 1946 im Kreis Pinneberg / Schleswig – Holstein geboren. Sie verbrachte eine von Verzicht gezeichnete Nachkriegskindheit.
Sobald sie lesen und schreiben konnte, flüchtete sie in die fantastische Welt der Literatur und begann gleichzeitig aufzuschreiben, was sie selbst bewegte. Die Liebe zum Schreiben ist bis heute geblieben.
Sie hat drei Bücher mit Kurzgeschichten unter dem Titel: „Delikatessen für die Sinne“ herausgegeben . Ihr nächstes Buch, ein Roman, ist in Vorbereitung.

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Meine Bücher

 

Der 3. Band “Delikatessen für die Sinne” ist im Dezember 2018 erschienen

 

 

 

 

 

 

ISBN: 978-3-96145-411-2

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ISBN: 978-3-96008-471-6                       ISBN: 978-3-96008-472-3

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Leseprobe:

Ein besonderes Jahr

Wir verstanden uns nicht gut, Corona und ich. Gleich der Beginn bedeutete eine völlige Fehleinschätzung meinerseits.

Bald gab es empfohlene, später angeordnete Verhaltensregelungen, zum Beispiel die öffentlichen Kontakte zu meiden. Ich nahm das ernst und kämpfte gegen mir nur zu gut bekannte Depressionen.

Dann kam ein Besucher. Es war der Frühling, der sich anmeldete. Als hätte sich nichts verändert, ließ er die kleinen grünen Knospen von Blüten und Blättern aufspringen. Die ersten Blumen begrüßten das Land. Lachten sie mich aus? Sie waren erhaben über das Virus, das uns Menschen zurückwarf auf die allernotwendigsten Verrichtungen.

Die Sonne begann die Luft zu erwärmen. Es zog mich hinaus. Den Wunsch konnte ich mir erfüllen, indem ich mein begehbares Umfeld um vier Quadratmeter Balkonfläche erweiterte. In eine Decke gehüllt, meine Katze schnurrend auf dem Schoß, hielt ich mein Gesicht der Sonne entgegen. Katze Paula genoss meine ständige Anwesenheit. Häufig schaute sie mich an als wollte sie fragen: „Was fehlt dir denn eigentlich? Ist doch alles okay!“ Und ich redete mir ein: „Es ist doch nur vorübergehend.“

Die Zahl der Infizierten stieg, fiel und stieg wieder. Mit drastischen Einschränkungen im Alltag wurde versucht, die Zahlen auf einem kontrollierbaren Niveau zu halten. Die Forschung arbeitete weltweit an der Erstellung eines Impfstoffs, der einzigen wirklichen Möglichkeit, die Pandemie zu besiegen. Die Nachrichten über das Virus widersprachen sich nahezu täglich und hinterließen Angst und Unsicherheit.

Horrormeldungen über die vielen an Corona Verstorbenen dämpfte vorübergehend meine Unzufriedenheit. Jammerte ich doch auf hohem Niveau.

Ein sonniger Sommer löste das Frühjahr ab. Ich verlagerte meine Anwesenheit zunehmend auf den Balkon.

Im Herbst nutzte ich die Zeit für einen Hausputz, der jedem Hausstauballergiker zu einem komplikationslosen Dasein verholfen hätte. Von draußen winkte das Virus herein, verpackt in Monate anhaltenden grauen Totensonntagwetters.

In der Vorweihnachtszeit wurden dann tüchtig die online-Händler unterstützt. Auch von mir. Vielleicht bekomme ich ja irgendwann eine Dankesmail von Amazon.

Silvester vermisste ich zum ersten Mal die in den Vorjahren als unangenehm empfundene Knallerei. Sie soll die bösen Geister vertreiben und ein positives neues Jahr einleiten. Womöglich haben wir doch zu wenig Klamauk gemacht. Jedenfalls haben wir jetzt Februar und das Licht am Ende des Tunnels ist noch weit entfernt, wenngleich es inzwischen zugelassenen Impfstoff gibt. Dafür hat die Forschung meine volle Bewunderung und Dankbarkeit.

Mund und Nase seit langem unter einer Maske verborgen, eilte ich mit unguten Gefühlen zweimal wöchentlich ausschließlich zum Lebensmittelhändler. Weitere Freiheiten blieben reduziert auf einen Blick aus dem Fenster. Immer wieder musste ich mir ins Gewissen reden:“ Du hast es gut. Du hast eine warme Wohnung und genügend zu essen und zu trinken.“ Und immer wieder schlich sich der kleine, jammernde Teufel in meine Gedanken. „Du bist eingesperrt. Isoliert von der Außenwelt und jeglichen sozialen Kontakten.“ Ich spürte, dass Telefon und PC kein Ersatz waren für eine Umarmung, für menschliche Nähe, für ein Lächeln von Angesicht zu Angesicht.

In der Stadt gibt es viele Obdachlose. Sie gehören zu unserem bunten Stadtbild. Ich freue mich immer, den einen oder anderen bei meinen Einkäufen einigermaßen gesund wieder zu sehen.

Dann rede ich mir ein, dass dieses Leben auf der Straße ihrem Wunsch entspricht. Häufig wechsel ich ein paar belanglose Worte mit ihnen, bringe ihnen vom Bäcker eine große Tüte Brötchen oder Kuchen mit. Ich streichel die dazu gehörenden Hunde, versorge sie bisweilen mit Dosenhundefutter. Ihre Tiere sind die einzigen Lebewesen von denen sie sich bedingungslos geliebt fühlen. Und ich versuche die Tatsache zu verdrängen, dass hinter jeder dieser Personen ein Leidensweg steht.

Es war kalt geworden. Bei meinen Einkäufen in den letzten zwei Wochen hatte ich gesehen, dass die Obdachlosen ihre Schlafmatten in einem großen überdachten Eingangsbereich eines Textilkaufhauses platziert hatten, drei feste Wände und ein Dach. Ich freute mich für sie. Es waren etwa acht Personen, die sich gegenseitig wärmten, Wolldecken und prall gefüllte Alditüten dabei. In ihnen befand sich ihre gesamte Habe. „Mehr benötigt man also nicht zum Überleben“, schoss es mir durch den Kopf. Ich verwies sie noch auf das Obdachlosenheim, aber es reagierte niemand. Es war gegen Mittag und der unvermeidliche Alkoholspiegel bestimmt schon angestiegen, vermutete ich.

Zwei Tage später hatte heftiger Schneefall eingesetzt. Ich dachte an die Obdachlosen, die doch wenigstens ein geschütztes Plätzchen hatten. Aber als ich am nächsten Tag an dem Kaufhaus vorbeiging, war der Platz geräumt. Irritiert blieb ich für einen Moment stehen. Ein älteres Ehepaar ging vorüber, nicht ohne lautstark ihre Genugtuung über das nun wieder saubere Straßenbild zu äußern. Es fiel das Wort „Penner“ und „endlich geräumt“. Und ich war zu feige, sie anzusprechen. Mein Ärger über die notwendigen Corona Maßnahmen hatte in dem Moment ihre Substanz verloren. Welche Alternative wurde bei dem Wetter den Obdachlosen geboten? Es erfroren doch in jedem Jahr mehrere.

Später, zuhause wollte ich die Polizei anrufen.

Wer hatte sich beschwert über die Schlaflager? Menschen, die das Elend nicht sehen wollten? Menschen ohne Empathie? Menschen, die stolz waren auf ihr Saubermannimage? Ich fror. Ich riss mich los von dem Anblick. Ein paar Schritte weiter lag ein undefinierbares, schneebedecktes Etwas auf dem Bürgersteig. Die Vorübereilenden machten einen deutlichen Bogen darum. Ich erschrak, nahm dann meinen Mut zusammen und befreite den Haufen vom Schnee. Wem gehörten die darunter liegenden Gegenstände? Warum benötigte die Person sie nicht mehr?

Ein völlig durchnässter Schlafsack, eine Wolldecke und zwei Alditüten, aus denen Bekleidung quoll. Eine leere Wodkaflasche lag daneben.